Die geplante Selbstverleugnung der Linken in Sachsen-Anhalt - Selbstverleugnungsveranstaltung am 27.08.2026 in Weißenfels
Es gibt politische Momente, in denen Ideologie und Machtkalkül so grell aufeinanderprallen, dass selbst eingefleischte Parteisoldaten kurz den Atem anhalten müssten.
Die Linke in Sachsen-Anhalt liefert gerade einen solchen: Während sie bundesweit und in Mecklenburg-Vorpommern mit Fischbrötchen-Plakaten gegen Friedrich Merz und die CDU wettert – „Der Fisch stinkt vom Kopf!“, „Inhalte statt Fischbrötchen“, Kritik an „Armutsreformen“ und Sozialkürzungen –, plant sie am 27. August 2026 in Weißenfels eine Veranstaltung, die wie die vorauseilende Kapitulation vor der Realpolitik klingt.
Unter dem Titel „Wie weiter nach der Wahl, wenn die Mehrheiten keine klassische Konstellation hergeben?“ wollen Marco Böhme (Co-Vorsitzender Die Linke Sachsen) und Eric Stehr (Landtagskandidat und stellvertretender Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt) in der „Raum.Station“, Herrmannsgarten 1, ab 18 Uhr erörtern, „welche Rolle Die Linke bei möglichen Szenarien einnehmen kann“. Böhme soll aus dem Nachbarland berichten, wo eine CDU-SPD-Minderheitsregierung auf wechselnde Mehrheiten – inklusive der Linken – angewiesen ist. Man fragt: Was können Abgeordnete der Linken dennoch erreichen? Die Antwort zeichnet sich bereits ab: möglichst viel von dem, was man gestern noch als Klassenverrat gebrandmarkt hätte.
Die Doppelmoral als Geschäftsmodell
Die Linke hat sich in den vergangenen Monaten nicht gerade zurückgehalten, wenn es darum ging, die CDU und ihren Kanzler Merz als soziale Kälte verkörperndes Feindbild zu inszenieren. In MV hängt sie Plakate mit dem fischbrötchenkauenden Merz auf und brandmarkt die „Armutsreformen der Bundesregierung“. Sozialstaatskürzungen, Preiskrise bei Miete, Supermarkt und Tankstelle – die Union, so der Tenor, überdecke das alles mit billigen Sprüchen und Snacks. Gleichzeitig war es ausgerechnet die Linke, die 2025 bei der Kanzlerwahl entscheidend half: Nachdem Merz im ersten Wahlgang scheiterte, stimmte sie (zusammen mit anderen) dem Verfahrensantrag für einen zweiten Durchgang am selben Tag zu. Ohne diese Zweidrittelmehrheit wäre der zweite Wahlgang nicht möglich gewesen. Friedrich Merz wäre kein Kanzler geworden. Merz selbst betont seither unablässig: Eine Zusammenarbeit mit der Linken gebe es nicht und werde es nicht geben. Die Linken-Chefin Ines Schwerdtner erinnerte später genüsslich daran, dass CDU-Abgeordnete sie „angebettelt“ hätten.Nun also Sachsen-Anhalt. Die Umfragen sind eindeutig: AfD bei 41–43 Prozent, CDU bei 22–24 Prozent, Linke um die 13 Prozent, SPD und Grüne im einstelligen Bereich, oft an der 5-Prozent-Hürde. Eine klassische Mehrheit ohne AfD ist schwer vorstellbar, eine CDU-Alleinregierung unmöglich. Die Linke positioniert sich bereits als möglicher Mehrheitsbeschaffer gegen die AfD – genau so, wie es in Sachsen seit 2024 praktiziert wird. Dort stützt die Linke die CDU-SPD-Minderheitsregierung bei Haushalten und Gesetzen, holt sich im Gegenzug Zugeständnisse in Sozial- und Umweltpolitik und nimmt dafür in Kauf, dass sie die Regierung der „anderen Seite“ am Leben hält.
Die unüberbrückbaren Gegensätze
Die inhaltlichen Abgründe könnten kaum größer sein. Die CDU und die SPD der Merz-Regierung treiben Sozialreformen voran – Rentenanpassungen, mögliche Verschärfungen bei Bürgergeld und Arbeitsanreizen, Haushaltskonsolidierung –, die der klassischen linken Agenda diametral entgegenstehen. Die Linke fordert mehr Umverteilung, Schutz vor „Armutsreformen“, höhere Sozialleistungen. Doch wenn es gilt, eine AfD-Landesregierung zu verhindern, soll plötzlich alles verhandelbar sein. Man will „unter schwierigen Bedingungen“ arbeiten und „dennoch etwas erreichen“. Übersetzt: Man wird die eigenen Kernforderungen so weit verwässern, bis von ihnen nur noch symbolische Restposten übrig bleiben – ein paar Millionen mehr für soziale Projekte hier, ein Gedenktag dort, während die große Linie der Haushalts- und Sozialpolitik der CDU folgt.Das ist keine strategische Flexibilität. Das ist programmatische Selbstverleugnung. Eine Partei, die den Kapitalismus und die „bürgerlichen“ Parteien jahrzehntelang als Feind markiert hat, die „Systemkritik“ und „demokratische Veränderung von unten“ predigt (so Eric Stehr auf seiner Website), bereitet sich darauf vor, den Systemerhalt zu organisieren. In Sachsen funktioniert das bereits: Die Linke liefert die fehlenden Stimmen, bekommt kosmetische Zugeständnisse und darf sich einreden, sie habe „etwas erreicht“. In Wahrheit stabilisiert sie eine Politik, die sie tagsüber bekämpft.
Was man nach der Wahl erwarten kann
Spekulieren wir realistisch: Nach dem 6. September 2026 (Landtagswahl in Sachsen-Anhalt) wird die Linke, sollte sie im Landtag landen und die AfD keine absolute Mehrheit schaffen, denselben Weg gehen wie in Sachsen. Sie wird sich als „verantwortungsvolle Opposition“ inszenieren, die „Stabilität“ sichert. Die Veranstaltung in Weißenfels ist die Generalprobe: Man übt bereits die Rhetorik der Alternativlosigkeit. „Schwierige Bedingungen“ heißt: Wir machen mit, weil sonst die AfD kommt. Die eigenen Wähler, die man mit Anti-Merz- und Anti-CDU-Kampagnen mobilisiert hat, werden dann mit dem Argument abgespeist, man habe Schlimmeres verhindert und „dennoch etwas erreicht“.Das Ergebnis wird vorhersehbar sein: Die Linke verliert weiter an Profil. Die AfD kann sich als einzige konsequente Opposition gegen „das System“ präsentieren. Die CDU lacht sich ins Fäustchen – sie bekommt die Mehrheiten, ohne sich inhaltlich zu bewegen, und kann gleichzeitig weiter betonen, mit der Linken gebe es keine Zusammenarbeit (außer natürlich dort, wo es opportun ist). Und die Linke selbst? Sie wird in Weißenfels und anderswo erklären, warum Selbstverleugnung eigentlich dialektischer Fortschritt sei.
Die Geschichte der Linken in Ostdeutschland ist voll von solchen Momenten der Anpassung. Doch selten war die Diskrepanz zwischen Wahlkampf-Rhetorik und post-elektoraler Realität so frech und so früh angekündigt. Am 27. August 2026 in Weißenfels wird man nicht über linke Alternativen diskutieren. Man wird üben, wie man den eigenen Anspruch begräbt, ohne dass es zu peinlich aussieht. Der Fisch stinkt nicht nur vom Kopf – er stinkt auch von der selbstgewählten Abhängigkeit.
