Deutsch English Français Español Türkçe Polski Русский Română Українська العربية
Wise

Bildungscampus Naumburg: Ein weiteres Symptom der verdrängten demografischen Katastrophe und zentralistischer Schulpolitik in Sachsen-Anhalt


Am 29. Juni 2026 stimmte der Kreistag des Burgenlandkreises nach einer längeren Diskussion über den Antrag auf einen fünfjährigen „Schulversuch“ für den Bildungscampus Naumburg ab.


Der Beschluss wurde mit vielen Ja-Stimmen, null Nein-Stimmen und 14 Enthaltungen (AfD) „einstimmig“ gefasst – eine bemerkenswerte Interpretation von Einstimmigkeit, bei der kritische Stimmen offenbar in die Enthaltung oder Abwesenheit verdrängt wurden.

Was auf den ersten Blick wie ein fortschrittliches Bildungsprojekt klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als typisches Produkt jahrzehntelanger verfehlter Politik der etablierten Parteien: Symptombehandlung statt Ursachenbekämpfung, vage Versprechungen und die schleichende Zentralisierung von Schulstandorten auf Kosten des ländlichen Raums.

Vage Zusagen und rhetorische Manöver des Landrats

Landrat Götz Ulrich (CDU) und Jörg Riemer (CDU) warben in der Sitzung eindringlich für das Projekt. Ulrich betonte, es gehe nicht um eine Einheitsschule, sondern um den Erhalt des Förderschulzweigs im westlichen Burgenlandkreis, flexible Übergänge und bessere Berufsorientierung. Man wolle Schüler nicht nach Weißenfels schicken und Förderschülern Chancen auf Abschlüsse ermöglichen. Riemer sprach von „Erhalt der Bildungsgänge“ und einem „Zeichen der Zuversicht“.

Doch die Aussagen bleiben auffallend vage. Ulrich „kann Ihnen nicht garantieren, dass es nie mehr Schulschließungen gibt“, sieht aber „keinen Zusammenhang“ zum Campus. Der Versuch läuft zunächst nur fünf Jahre (ab 2027/28 bis 2032/33) und muss erst vom Land genehmigt werden. Ob der Antrag so genehmigt werden wird, war zum Zeitpunkt der Abstimmung im Kreistag unklar.

Es handelt sich um Abweichungen von bestehenden Vorgaben zu getrennter Schulformen-Führung, Lehrkräftezuweisung, Zuweisungsverfahren des Landesschulamts und Ganztagsregelungen. Ein „Versuch“ – das klingt nach Experimentierfreude, aber auch nach fehlender Sicherheit, dass es funktioniert oder dauerhaft Bestand hat. Was passiert nach fünf Jahren, wenn die demografische Entwicklung weiter drückt? Bleibt der Campus oder werden weitere Standorte „optimiert“ (geschlossen)?

Die AfD-Fraktion um Juliane und Lothar Waehler wies zu Recht auf die demografische Katastrophe hin, die nicht durch Strukturaufweichung gelöst wird. Sie ist eine Folge der familien- und arbeitnehmerfeindlichen Politik der Altparteien seit der Wende. Die AfD-Fraktion fürchtet eine schleichende Einheitsschule und Schließungen im ländlichen Raum – eine Befürchtung, die Ulrich & Co. nicht wirklich entkräften konnten.

Ursachenforschung: Wer hat seit der Wende regiert?

Sachsen-Anhalt wird seit der Wiedervereinigung überwiegend von CDU-geführten Regierungen geprägt – oft in Koalition mit SPD, zeitweise Grünen oder FDP. Reiner Haseloff (CDU) regierte lange, aktuell führt Sven Schulze (CDU) eine CDU-SPD-FDP-Koalition. Im Burgenlandkreis sitzt seit 2014 CDU-Landrat Götz Ulrich. Die demografische Schrumpfung – massiver Geburtenrückgang, Abwanderung junger Menschen, Überalterung – ist kein Naturereignis, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Politik: Deindustrialisierung nach der Wende, fehlende wirtschaftliche Perspektiven im ländlichen Raum, familienunfreundliche Rahmenbedingungen, Vernachlässigung der Geburtenförderung und der politisch verordnete Strukturwandel wegen dem Ausstieg aus der Braunkohleverstromung.

Die Folge: Drastisch sinkende Schülerzahlen. Prognosen zeigen für den Burgenlandkreis einen starken Rückgang der jungen Bevölkerung. Statt die Ursachen (Wirtschaft, Familie, Infrastruktur) anzupacken, reagieren die Verantwortlichen mit „Effizienzsteigerung“ durch Zentralisierung.

Mindestschülerzahlen, Landesschulamt und die Macht des Landes

Wer definiert die Mindestschülerzahlen? Das Land Sachsen-Anhalt über die Schulentwicklungsplanung und Verordnungen. Für Förderschulen liegt die Mindestzahl oft bei 90 Schülern. Unterschreiten führt zu Schließungsdruck. Das Landesschulamt weist Lehrkräfte zentral zu. Selbst wenn ein Landkreis eine Schule halten will: Ohne Personal vom Land geht nichts. Die Kreise fügen sich den Vorgaben des Landes – strukturell abhängig und oft ohne echte Gegenwehr.

Der Campus in Naumburg soll genau den Förderschulzweig retten, der sonst wegen zu geringer Zahlen gefährdet wäre. Gleichzeitig ermöglicht ein gemeinsamer Pool flexiblere Personalnutzung – ein Eingeständnis des chronischen Lehrermangels, der ebenfalls hausgemacht ist (mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs, Bürokratie, schlechte Bezahlung im Vergleich zu anderen Bundesländern).

Kritiker sehen hier den Einstieg in größere Komplexe, die ländliche Standorte überflüssig machen. Ulrich versichert, keine Einzugsbereiche im ländlichen Raum zu verändern – aber was wiegt eine mündliche Zusicherung in einer Kreistagssitzung gegen langfristige demografische und finanzielle Zwänge? „Was einmal zu ist, bleibt in der Regel auch zu“, warnte die AfD zurecht.

Ein Experiment auf Kosten der Kinder?

Der „Schulversuch“ mit flexiblen Übergängen, schulzweigübergreifendem Pool und campusweitem Ganztag klingt innovativ, birgt aber Risiken der Nivellierung. Die AfD warnt vor dem „schwächsten Glied“-Prinzip statt individueller Förderung durch klare Strukturen. Statt bewährter getrennter Schulformen (Sekundar- und Förderschule) wird experimentiert – auf fünf Jahre befristet, mit ungewissem Ausgang.

In Zeiten sinkender Schülerzahlen große Komplexe bauen und Synergien feiern, während kleine Schulen im Umland unter Druck geraten: Das ist keine Zukunftslösung, sondern Krisenmanagement derer, die die Krise mitverursacht haben. Statt kurzer Wege für kurze Beine (ländliche Schulen) setzt man auf zentrale „Leuchttürme“. Eltern und Kinder im ländlichen Raum zahlen den Preis mit längeren Wegen und weniger Wahlmöglichkeiten.

Der Kreistag hat den Antrag mehrheitlich durchgewinkt. Die Enthaltungen und die AfD-Position zeigen jedoch, dass nicht alle die rosige Rhetorik kaufen. Solange die Altparteien die demografische Realität nicht als Anlass für eine radikale Wende in Familien-, Wirtschafts- und Bildungspolitik nehmen, bleiben solche „Versuche“ nur teure Pflaster auf einer tiefen Wunde. Der Bildungscampus Naumburg mag für Naumburg ein Gewinn sein – für den gesamten Kreis und besonders den ländlichen Raum birgt er die Gefahr weiterer Zentralisierung und Strukturabbau. Die Zukunft der Kinder verdient mehr als fünfjährige Experimente und vage Zusagen. Sie verdient eine Politik, die Ursachen bekämpft, statt Symptome zu verwalten.



Transkript der Diskussion im Kreistag am 29.06.2026:


Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Der Tagesordnungspunkt 10 ist der Antrag auf Schulversuch Bildungskampus Naumburg. Auch hier gab es Vorberatungen im Bildungs-, Kultur- und Sportausschuss. Hier wurde der Beschluss einstimmig empfohlen. Gleichermaßen im Kreisausschuss. Wünscht jemand zu diesem Beschlussvorschlag das Wort? Frau Waehler, bitte.

Juliane Waehler (AfD): Ja, meine Fraktion wird dieser Beschlussvorlage nicht äh zustimmen, den Bildungskampus in Naumburg. Und um Spekulationen der Presse und anderen Fraktionen aus dem Weg zu gehen, möchten wir das natürlich auch begründen. Die demografische Katastrophe unseres Landes ist leider eine durch die Altparteien hausgemachte Problematik und dem Kern der Problematik wird nicht entgegengewirkt. Stattdessen werden Symptome mit Lösungsansätzen behoben, die die Entwicklung möglicherweise zunehmend verschlechtern. Fehlende Kinder und anhaltender Lehrermangel sind Ergebnis familien- und arbeitnehmerfeindlicher Politik. Natürlich müssen Lösungsansätze her, der vorliegende Beschluss ist augenscheinlich auch auf den ersten Blick dafür geeignet, aber wahrscheinlich eben nur augenscheinlich.

Unsere Partei ist dafür bekannt, nicht nur in Legislaturen zu denken, sondern weiterführend eine vernünftige und lebenswerte Zukunft sicherzustellen, vor allem, wenn es um unsere Kinder geht.

Der Bildungskampus ist ein weiterer Schritt in Richtung Einheitsschule. Aufweichen der Strukturen können nicht zur Sicherstellung individueller Bildungswege führen. Vielmehr wird hier der altbewährte Spruch gelten: Eine Einheit ist so stark wie sein schwächstes Glied. Unsere Partei verfolgt auf Landesebene das Ziel, Sekundarschulen wieder aufzuspalten und zu altbewährten Strukturen zurückzuführen und pro Institut einen Abschluss zu ermöglichen.

Weiterhin besteht die Gefahr, dass mit der Errichtung des Bildungskampus die Schulen im ländlichen Raum nach und nach schließen werden. Was wäre das aus für eine kinderfreundliche Programmatik nach dem Motto: kurze Wege für kurze Beine.

Und was einmal zu ist, bleibt in der Regel auch zu. In Zeiten einer demografischen Katastrophe einen Schulkomplex zu errichten, der quasi alle Bildungswege vereint, kann nur bedeuten, dass mehr dahintersteht und damit meine ich eben die Schließung der Schulen im ländlichen Raum. Eltern wird die Möglichkeit genommen, möglicherweise Gastschulanträge zu stellen, da es keine Schullandschaft mehr geben wird. Ob diese Art der Schul- und Schülerzusammenführung gut förderlich ist, wage ich stark zu bezweifeln. Und ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich hoffe, dass ich meine Töchter nicht an diese Art Schulkomplex schicken muss.

Umso wichtiger wird dann in Zukunft die Thematik Bildungspflicht statt Schulzwang sein. Der Antrag wird in diesem Haus mit den üblichen unkritischen Stimmen sowieso beschlossen. Wir werden dann in den nächsten 5 bis 10 Jahren sehen, wo dieser Schulversuch hinführt. Vielen Dank.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Herr Riemer, bitte.

Jörg Riemer (CDU, Kreistagsmitglied, Leiter der Berufsbildenden Schulen Burgenlandkreis): Zum einen wundere ich mich, welche Unkenntnis hier ähm zur äh zutage tritt, zumal die Diskussion im Bildungsausschuss äh dort, dass auch von den Mitgliedern ihrer Fraktion mitgeteilt wurde äh und ganz deutlich gesagt wurde, dass es genau um etwas anderes geht. Es wäre leicht gewesen, hier äh eine integrierte Gesamtschule zu gründen. Dann hätte möglicherweise das eingetreten, was Sie prophezeien. Aber der Ansatz äh diesen Bildungskampus hier zu errichten und dort mehrere Bildungsgänge äh zusammenzuführen, ist gerade, die einzelnen Bildungsgänge zu erhalten.

Äh das Ziel ist, und das ist sehr lange diskutiert worden, auch den Bildungsgang der Förderschule für die Stadt Naumburg und den westlichen Burgenlandkreis zu erhalten, wo die äh Schülerzahlen problematisch sind. Und der Bildungskampus ist genau das Gegenteil. Äh er ermöglicht nämlich äh auch äh einen Erhalt dieses Bildungsganges und damit ähm eine Respektierung des Wahlrechts der einzelnen Eltern, die äh für ihr Kind in Abhängigkeit mit äh auch pädagogischer Beratung die jeweils bestmögliche Förderung sicherstellen können.

Das Gleiche gilt für den Bildungsgang der Sekundarschule. Hier wird keine neue Schule eröffnet, welche anderen Schüler wegnimmt, sondern es ist die bisherige Albert-Schweitzer-Sekundarschule, welche in räumlich begrenzten ähm Gebäuden untergebracht ist. Äh und einzelne Klassen der Humboldt-Sekundarschule durch Neuordnung der Schuleinzugsbereiche erhalten äh erstmalig ähm bessere Bildungsbedingungen. Keine einzige andere Sekundarschule im ländlichen Raum ist davon betroffen, weil mit der Errichtung des Bildungskampus es keine Neuordnung der Schuleinzugsbereiche in den ländlichen Raum äh hinzugibt.

Zum dritten ähm der Bereich äh des Berufsvorbereitungsjahres. Auch dieser äh deckt dieses äh jetzt ab und zieht dort keine äh anderen Schüler entsprechend auf sich, sodass der Bildungskampus zum ersten Mal seit über 20 Jahren ein Schulneubau äh im äh Burgenlandkreis ist und damit ein Zeichen der Zuversicht, der Entwicklung und des Mutes für unseren Landkreis, weil wir damit nämlich zeigen, wir schreiben diesen Landkreis nicht ab, wir reden ihn nicht runter wie einzelne politische Akteure, sondern wir setzen auf die Zukunft. Wir setzen für äh die Bildung unserer Kinder äh auf moderne Einrichtungen, die in möglichst guten Bedingungen lernen können.

Und hier setzt dieser Schulversuch an, dass man nämlich die Chancen, dass man drei verschiedene Bildungsgänge unter einem Dach hat, äh nutzen will, ohne sie zu vermischen. Die einzelnen Punkte setzen auf Zusammenarbeit und nicht auf Schaffung einer einheitlichen Schule und damit Abschaffung von anderen Schulen. Ich nehme nur das Beispiel dies dieses gemeinsamen Personalpools. Das bedeutet genau, dass man auch in angespannten Personalsituationen Bildungsgänge erhalten kann und es beispielsweise leicht ermöglicht, dass der Lehrer einer Schule zwei Räume weiter in der anderen Schule unterrichtet, ohne dass bisher notwendige Abordnungsverfahren über ähm Beteiligung des Landesschulamts und Bezirkspersonalrat umzusetzen.

Es geht also hier darum äh den Neubau und das Signal des Aufbruchs, dass uns Bildung im Burgenlandkreis wichtig ist, auch durch Inhalte zu füllen und nicht andere Schulen abzuschaffen und zu gefährden. Wer so etwas hier ähm zum Ausdruck bringt, ist mindestens fahrlässig oder möchte vollkommen grundlos Bürgerinnen und Bürger verunsichern. Äh genau darum geht es nicht. Es geht darum, Bildung in hoher Qualität in guten Gebäuden hier im Burgenlandkreis zu sichern. Deshalb äh werbe ich um Zustimmung zu dem ähm Antrag.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Vielen Dank, Herr Riemer. Herr Landrat, bitte.

Landrat Götz Ulrich (CDU): Frau Waehler, ich verstehe das nicht, was Sie, also ich verstehe das schon, was Sie hier machen, aber äh das ist äh etwas, was ich bisher jedenfalls nach meiner Erinnerung so im Kreistag noch nicht erlebt habe, dass ähm Dinge einfach behauptet werden, um möglicherweise äh äh Unruhe zu stiften, obwohl sie es, glaube ich, auch besser wissen. Das finde ich schade, aber Herr Riemer hat jetzt einige Dinge schon klargestellt. Ich will das auch noch mal versuchen.

Weil Sie verdrehen sozusagen die Tatsache, um jetzt mit Nein stimmen zu können. Denn wenn Sie sich mit den Sachverhalten genauer befassen, würden Sie zu demselben Ergebnis kommen wie Ihre Fraktionsmitglieder im Bildungs- und im Kreisausschuss. Und es geht uns gerade nicht darum, dass wir gemeinsamen Unterricht für alle organisieren und alle Kinder in eine Art Einheitsschule gehen müssen, sondern es geht darum, dass der gesamte westliche Burgenlandkreis eine Förderschule für Schüler mit Lernförderbedarf hat, die jetzt schon viel zu wenig Schüler hat.

90 ist da die Mindestschülerzahl und diese Schule würde, wenn man jetzt die Schulentwicklungsplanung konsequent durchsetzen würde von Landesseite, keinen Bestand mehr haben. Das heißt, diese Schüler müssen, wenn sie nicht in den gemeinsamen Unterricht gehen sollten, an die Förderschule nach Weißenfels. Der Weg von Lossa bis nach Weißenfels ist sehr, sehr weit. Und genau da setzt doch jetzt der Schulversuch an und äh sagt, wir wollen einen verlässlichen Förderzweig erhalten, sodass Eltern, die gerade sich gegen den gemeinsamen Unterricht aussprechen, die Möglichkeit haben, verlässlich von der vom Grundschulbereich bis zum Ausscheiden das Kind in diesem Förderschulzweig sicher unterrichten zu lassen.

Und der zweite Punkt ist aber, es gibt auch unter den Förderschülern eben Kinder, Jugendliche, die es schaffen können und manche dann auch wollen, einen Hauptschulabschluss zu erreichen. Das geht eben jetzt an der Förderschule nicht. Und diesen Kindern aber innerhalb desselben äh Konstruktes, innerhalb dieses Campus, den sie dann gewohnt sind, wo sie jahrelang hingegangen sind, die Möglichkeit zu geben und denen zu sagen, ihr könnt aber, weil ihr das schafft und weil ihr euch das zutraut, jetzt wechseln in den Hauptschulbildungsgang und den Schulabschluss dort noch zu ermöglichen. Diese Chance sollten wir doch unseren Förderschülern geben und die haben sie im Moment hier in Naumburg nicht. Das ist schade.

Und der dritte Punkt ist diese Berufsorientierung, die durch den Einzug der Werkstätten der berufsbildenden Schule kommt, also frühzeitig sich mit handwerklichen Dingen zu beschäftigen und nicht erst am Ende der Schulzeit vielleicht zu erkennen, dass ich da Fähigkeiten habe. Das ist etwas, was allen Schülern aller drei Schulform, Realschule, Hauptschule, Förderschule zugutekommen kann.

Also ich glaube, dass das, was Sie eigentlich sagen, was Sie wollen, mit diesem Konstrukt doch gerade gut umsetzbar wäre und wir das Gegenteil von dem machen, was Sie vielleicht befürchten. Natürlich können wir jetzt nicht heute endgültig entscheiden, äh, dass dieser Schulversuch eins zu eins so genehmigt wird, wie wir es beantragen. Aber das, was wir beantragen, ist, glaube ich, richtig und hat für den ländlichen Raum westlich von Naumburg sehr hilfreiche Korsettstangen, die da eingezogen werden.

Was soll die Alternative dann sein? Äh, was wollen Sie stattdessen als Inhalt, pädagogischen Inhalt hier beantragen? Das frage ich mich dann. Das haben Sie jetzt auch selber nicht beantwortet. Also, ich versuche noch mal äh zu werben dafür, dass Sie noch mal darüber nachdenken, diesem äh Campus auch eine Chance zu geben und dass wir uns möglichst alle dahinter versammeln, denn das, was wir nicht brauchen, ist noch ein Streit darüber, ob diese Ansätze richtig sind oder nicht, weil ich glaube, sie sind für den ländlichen Raum eine große Chance.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Frau Waehler, bitte.

Juliane Waehler (AfD): Also grundlegend ziehe ich mir das nicht irgendwie aus den Fingern oder suche irgendwie einen Grund, um irgendwas abzulehnen. Wir haben ja im Kreisausschuss äh der ganzen Sache zugestimmt nach äh Rücksprache mit unseren Mitgliedern aus dem Bildungsausschuss. Wir haben das aber eben noch mal in der auf Landesebene diskutiert und noch mal die Beschlussvorlage dort mitgenommen und das dann eben so ausdiskutiert.

Sie sagen mir jetzt aber, dass dieser Bildungskampus, der ja auch in Weißenfels errichtet wird und vielleicht auch zukünftig in Zeitz, sich nicht auf die Schullandschaft im ländlichen Raum auswirken wird, dass dort keine Schulen geschlossen werden, weil ja dann der Bildungskampus quasi das Angebot hergibt.

Landrat Götz Ulrich (CDU): Die äh Konstruktion in Weißenfels des Bildungskampus ist eine ganz andere. Da geht's um Gymnasium, Volkshochschule und Musikschule und die Ausweitung des Bildungsangebotes für die Schüler, die äh diese Angebote kostenfrei mitnutzen dürfen. Also, es hat mit dieser Konstruktion hier gar nichts zu tun.

Das Angebot in Zeitz ist wiederum ein anderes. Da geht's darum, ob wir an der jetzigen Pestalozzi-Schule Zeitz die Förderschwerpunkte ausweiten und andere Schüler mit anderen Förderschwerpunkten ebenfalls in eine solche Campussituation bringen.

Ich kann, um vielleicht jetzt bei Naumburg erstmal zu bleiben, ich kann überhaupt nicht erkennen, welcher Zusammenhang zwischen Schülerzahlen im ländlichen Raum und dem Campus besteht, weil das hat Herr Riemer, ich glaube richtig ausgeführt, dass ja die Schuleinzugsbereiche, die jetzt in Naumburg sind, von diesen zwei Schulen zwar untereinander noch mal verschoben werden können, weil eben in der Humboldt-Schule viel zu viele Schüler für das kleine Schulgebäude sind, aber es ist nicht angedacht, dass sozusagen mehr Schüler aus dem Wethautal, aus dem Unstruttal oder aus der Finne nach Naumburg gehen sollen.

Diese Schuleinzugsbereiche bleiben völlig unberührt davon. Förderschüler gibt es in diesem ländlichen Raum leider schon nicht. Also, da gibt's Förderschüler, aber es gibt keine Förderschule mehr. Das ist die Förderschule für den ländlichen Raum im westlichen Burgenlandkreis. Und das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt. Die muss stabilisiert werden, weil wenn die wegbricht, haben wir nur noch eine Förderschule in Zeitz und eine Förderschule in Weißenfels.

Und da die Kinder ohnehin schon so weite Wege haben, die es am schwersten haben, können wir denen doch nicht noch weitere Wege zumuten. Ich kann Ihnen natürlich nicht garantieren, dass es nie mehr Schulschließungen gibt, aber ich bin gegen jede Schulschließung. Ich kann Ihnen aber sagen, es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem äh Bildungskampus und dem, was sich an äh Rückgängen von Schülerzahlen entwickelt.

Um jetzt noch mal auf die anderen einzugehen, Zeitz und Weißenfels ist, glaube ich, heute äh die Kreistagssitzung nicht das Richtige, aber auch da sind wir gerne bereit, noch mal genauer zu erläutern, was der Inhalt von den Campusansätzen ist, weil in jeder Stadt ist es geht's um eigentlich um ein anderes Thema.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Vielen Dank, Herr Landrat. Gibt es weitere Wortmeldungen? Herr Thyen, bitte.

Jan Thyen (Kreistagsmitglied, Die Linke): Ja, vielleicht hätten die Kollegen von der AfD mal bei der Begründung ihres Antrags auf die kommunalen Vertreter hören sollen als auf die Landespolitiker. In der Begründung des Antrages oder der Ablehnung des Antrages sind für mich die ganz typischen Dinge der AfD genannt worden. Eine Partei, die Schulpflicht in Sachsen-Anhalt abschaffen will und dann in ihrer Begründung so'ne Argumente bringt wie äh traditionelles Familienbild und äh, also ich bin so aufgeregt über diese Ablehnung, traditionelles Familienbild und ja äh die Schwächeren ausgrenzen und so weiter und so fort. Das ist nichts Neues von dieser Partei. Danke.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Herr Waehler, bitte.

Lothar Waehler (AfD, Kreistagsmitglied): Ja, also gegenüber so einer Argumentation möchten wir uns ja vollkommen verwahren. Das ist überhaupt nicht so. Und falls Sie mal unser Programm richtig gelesen hätten, das heißt nicht, dass wir die Schulpflicht abschaffen wollen, sondern die Bildungspflicht einführen wollen.

Das bedeutet nicht, dass wir eine Schulpflicht abschaffen und dass Sie uns hier versuchen, irgendwo zu diffamieren oder runterzuziehen in diesem hohen Haus, finde ich eigentlich sehr traurig, muss ich ganz ehrlich sagen. Und ich weiß auch nicht, was das jetzt hier soll, was das irgendwo mit dem Landtag zu tun hat. Wir entscheiden jetzt hier als Kreisräte. Das wollte ich Ihnen noch mal mit auf den Weg geben, wenn hier so eine Argumentation ständig an den Tag gelegt wird.

Und zu Herrn Ulrich möchte ich wirklich sagen, Sie haben das jetzt gut begründet. Ich bin da auch wirklich bei der Begründung eigentlich geneigt, das genauso aufzufassen, aber es ist nun mal halt so, dass wir beraten hatten und wir fanden die Argumentation nicht ausreichend, dass das eventuell so zu beschließen wäre.

Die Argumente, die Sie jetzt noch mal vorgebracht haben, die sind gut und richtig, aber wir waren immer noch dabei, dass diese Vereinheitlichung der Schulen unserer Ansicht nach nicht zielführend sein wird. Weil wir eben Angst haben, dass Schulschließungen bestehen werden, gerade im ländlichen Raum. Und das sehen wir eben wirklich als das große Problem, was wir eben nicht haben wollen.

Für Naumburg hier ist es natürlich wirklich eine andere Sache, aber wenn das sich generell dann weiter verbreitet durch solche Bildungskampusse, sehen wir darin die Gefahr und das ist ja das Thema, was wir so ein bisschen damit beleuchten wollten und noch mal herbringen wollten.

Und das genau möchte ich noch mal zu Herrn Riemer sagen, das hat nichts mit uns als AfD zu tun. Und natürlich haben wir zu anderen Sachen eine andere Sichtweise und eine andere Meinung als die CDU. Die CDU hätte doch alles viel besser machen können die letzten 30 Jahre. Warum ist es denn so, wie es ist? Das liegt doch nicht an uns. Wir waren bis jetzt noch nicht dran.

Also, das muss man mal ganz klar und deutlich sagen hier. Jetzt wird rumgedoktert und überall was neu gemacht und dann erfinden wir das Fahrrad neu. Und so ganz deutlich muss man das mal sagen. Und wir sind natürlich nicht mit allen einverstanden, obwohl ich gerne mit Ihnen mit solchen Sachen mitgehen möchte, wenn die denn zielführend wären, aber das wissen wir eben alles nicht.

Und deswegen sagen wir ja, die altherkömmlichen Sachen, die sich bewährt haben, sollten bleiben. Und das war unsere Meinung dabei. Wir sind nicht generell gegen Zukunftsorientierung oder Fortschrittsorientierung. Das ist ja vollkommener Quatsch, was der Herr wieder hier vorne gesagt hat. Also, ich verwahre mich gegen sowas. Das ist wirklich abartig, hier in so einem Kreistag solche Worte zu bringen. Danke schön.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Herr Schumann hat sich gemeldet.

Henrik Schumann (fraktionslos): Sehr geehrte Frau Waehler, Herr Waehler, ähm dieser Schulkampus, der treibt uns ja in Naumburg schon, ich weiß es nicht, gefühlte 15 Jahre um. Ein Ersatzneubau für die Albert-Schweitzer-Schule, der war 2011, 12 schon Thema. Und dass der Landkreis entschieden hat, die erweiterte Bildung und die äh Bildung von äh benachteiligten Schülern dort mit zentral zu platzieren, das hat auch etwas damit zu tun, dass wir Synergien heben wollen. Und Synergien heben müssen, baulich, strukturell, finanziell vor allem und auch personell.

Und an der Stelle ist dieser Schulkampus eigentlich der richtige Schritt in die Zukunft. Und wenn wir den in Zeitz und in Weißenfels genauso platzieren, dann sind das einfach die Zwänge, unter denen wir gesellschaftlich jetzt äh leben müssen und auf die wir reagieren müssen. Äh das sind eben die, dass uns Personal fehlt und dass wir das dort viel zentraler vereinen können.

Äh und diese kurzen Wege und diese Wechsel, die die Schüler nehmen können, so wie es der Landrat begründet hat, das ist einfach das Modell der Zukunft. Das wird kommen und an der Stelle ist das auch die richtige Verfahrensweise und der richtige Schritt.

Kreistagsvorsitzender Andy Haugk: Vielen Dank, Herr Schumann. Herr Jähnig, ich habe Ihre Wortmeldung gesehen, aber aus Ihrer Fraktion kommt gleich zweimal der Antrag zur Geschäftsordnung. Erst Frau Waehler und Herr Poppe. Wer möchte denn zuerst? Sie haben beide Hände hochgenommen.

Juliane Waehler (AfD): Ich würde gerne Sitzungsunterbrechung beantragen, damit wir uns kurz beraten können. 10 Minuten. 5 Minuten.

Andy Haugk: So, dann stimme ich jetzt den Geschäftsordnungsantrag ab. Der Geschäftsordnungsantrag lautet, die Sitzung für 5 Minuten zu unterbrechen. Ich frage, wer damit ja stimmen kann, den bitte ich ums Handzeichen. Äh Stimmzettel. Genau. Vielen Dank. Das war mehrheitlich. Dann unterbrechen wir die Sitzung, Frau Waehler. 5 Minuten. Dann setzen wir die Sitzung 25 fort, Frau Waehler. 25 setzen wir fort.

Andy Haugk: So, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte Sie wieder, Ihre Plätze einzunehmen, sodass wir die Sitzung fortsetzen können. Damit eröffne ich die Sitzung wieder und frage nach weiteren Wortmeldungen. Da kann ich keine erkennen.

Dann kommen wir jetzt zur Abstimmung über den Antrag auf Schulversuch Bildungskampus Naumburg. Der Beschlusstext liegt Ihnen vor. Wenn Sie mit Ja stimmen wollen, bitte ich um das Erheben Ihrer Stimmkarte. Das sind sehr viele. Vielen Dank.

Die Neinstimmen: keine. Enthaltungen? Das sind 14 Enthaltungen. Damit ist der Beschluss einstimmig gefasst.
Verfasser: АИИ  |  09.07.2026
Jeden Tag neue Angebote bis zu 70 Prozent reduziert

Weitere Artikel
VOLLSTRECKUNGSANDROHUNG - Ist der Stadtratsvorsitzende Ekkart Günther pleite?

VOLLSTRECKUNGSANDROHUNG - Ist der Stadtratsvorsitzende Ekkart Günther pleite?

Es gibt schlimme Nachrichten aus Weißenfels. So wie es aussieht, hat der Weissenfelser Stadtratsvorsitzende Ekkart Günther große finanzie…
zum Artikel »
Städtische Mitarbeiter werden immer unfreundlicher

Städtische Mitarbeiter werden immer unfreundlicher

An einem scheinbar gewöhnlichen Montagmorgen, beobachtete ich einen städtischen Mitarbeiter bei seiner mysteriösen Tätigkeit – oder be…
zum Artikel »
Sachsen-Anhalt 2021 vs. 2026 - Zwischen Selbstverherrlichung und Realitätsschock

Sachsen-Anhalt 2021 vs. 2026 - Zwischen Selbstverherrlichung und Realitätsschock

Am 16. September 2021 stand der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt im Zeichen des Aufbruchs: Der CDU-Fraktionsvorsitzende Siegfried Bo…
zum Artikel »
Die große Trauer über das Ende des Tankrabatts, der uns 1,6 Milliarden Euro gekostet hat

Die große Trauer über das Ende des Tankrabatts, der uns 1,6 Milliarden Euro gekostet hat

1,6 Milliarden Euro verschenkt – und die Hofberichterstatter der Regierung heulen Rotz und Wasser! Während Pendler aufatmeten, jammern Pr…
zum Artikel »
Werde unregierbar! Mache dich unabhängiger! Im Gespräch mit Ronald Knoll

Werde unregierbar! Mache dich unabhängiger! Im Gespräch mit Ronald Knoll

Ronald Knoll ist Künstler und spricht über seine Erlebinisse hinsichtlich Zensur und seine Idee, sich unabhängiger und damit unregierbar …
zum Artikel »
Mega-Erfolg: Steuereinnahmen sinken um 240 Millionen in Sachsen-Anhalt

Mega-Erfolg: Steuereinnahmen sinken um 240 Millionen in Sachsen-Anhalt

Bravo, Landesregierung von Sachsen-Anhalt! Ein Meisterwerk der Verantwortungsübertragung! …
zum Artikel »
Lotto
der offizielle Kanal der Bürgerstimme auf Telegram   der offizielle Kanal der Bürgerstimme auf YouTube   Bürgerstimme auf Facebook
Unterstützen Sie das Betreiben dieser WebSite mit freiwilligen Zuwendungen:
via PayPal: https://www.paypal.me/evovi/12

oder per Überweisung
IBAN: IE55SUMU99036510275719
BIC: SUMUIE22XXX
Konto-Inhaber: Michael Thurm