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Beschäftigungstherapie statt Arbeitsvermittlung beim Jobcenter Burgenlandkreis? - Neues aus der Faultierfarm


Vor gerade einmal drei Monaten berichteten wir über einen Fall, der bereits damals viele Fragen aufwarf.



Heute können wir die Geschichte fortsetzen. Leider nicht mit einer Erfolgsmeldung über gelungene Arbeitsvermittlung, sondern mit einem weiteren Beispiel dafür, wie weit sich manche Jobcenter offenbar von ihrem eigentlichen Auftrag entfernt haben.

Zur Erinnerung:

Ein langjähriger Ehrenamtler engagierte sich über Jahre hinweg nahezu täglich in einem Verein. Keine Alibi-Beschäftigung für den Lebenslauf, sondern echte Arbeit mit festen Aufgaben, festen Zeiten und klaren Verantwortlichkeiten. Als der Verein zum Jahreswechsel in ein Gewerbe überführt wurde, sollte aus dem Ehrenamt sogar eine geringfügige Beschäftigung entstehen.

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte.

Eigentlich.

Denn während Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Weg gefunden hatten, gemeinsam den Schritt in eine reguläre Beschäftigung zu gehen, hatte das Jobcenter offenbar andere Prioritäten.

Dort bestand man weiterhin auf einem Ein-Euro-Job.

Nicht etwa, weil der Betroffene untätig gewesen wäre.

Nicht etwa, weil ihm Tagesstruktur gefehlt hätte.

Nicht etwa, weil er erst lernen musste, morgens aufzustehen.

All das hatte er längst bewiesen.

Trotzdem wurde ihm unmissverständlich klargemacht, dass die Ablehnung der Maßnahme Konsequenzen haben würde. Gespräche auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Die Botschaft lautete vielmehr: Machen Sie, was wir verlangen, oder rechnen Sie mit Sanktionen.

Wer heute noch glaubt, die Zeiten obrigkeitlicher Behördenmentalität seien vorbei, sollte sich solche Fälle genauer ansehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass sämtliche Versuche, die Situation sachlich zu erläutern, zunächst ins Leere liefen. Weder der künftige Arbeitgeber noch der Betroffene selbst konnten offenbar Gehör finden. Argumente spielten keine Rolle. Die tatsächliche Lebensrealität des Betroffenen spielte keine Rolle. Die bereits vorhandene Tagesstruktur spielte keine Rolle.

Entscheidend war offenbar allein, dass eine Maßnahme abgearbeitet werden sollte.

Erst als ein Regionalpolitiker den Amtsleiter kontaktierte und nachfragte, warum hier jede Gesprächsbereitschaft fehle, änderte sich die Situation plötzlich.

Auf einmal war ein Gespräch möglich.

Auf einmal war Dialog möglich.

Auf einmal war das Jobcenter bereit, sich die Sache überhaupt anzuhören.

Eine bemerkenswerte Entwicklung.

Denn sie wirft zwangsläufig die Frage auf, warum die Beteiligten diesen politischen Umweg überhaupt gehen mussten.

Ist ein Leistungsbezieher heute nur noch dann gesprächswürdig, wenn sich ein Politiker einschaltet?

Muss erst politischer Druck entstehen, bevor eine Behörde bereit ist, ihren eigenen Kunden zuzuhören?

Und was passiert mit all jenen Leistungsbeziehern, die keinen Politiker kennen, der für sie zum Telefon greift?

Das anschließende Gespräch brachte weitere Überraschungen ans Licht.

Der zuständige Arbeitsvermittler war nicht anwesend

Dafür wurde deutlich, dass die Aktenlage offenbar ein sehr eigenes Bild der Realität zeichnete. Gesprächsinhalte fanden sich nur bruchstückhaft wieder. Aussagen waren verkürzt dokumentiert. Zusammenhänge fehlten. Wer ausschließlich anhand dieser Notizen entschieden hätte, wäre zwangsläufig zu einem anderen Ergebnis gekommen als jemand, der die tatsächlichen Gespräche kannte.

Nach mehr als einer Stunde Diskussion geschah dann das, was eigentlich von Anfang an hätte passieren müssen:

Der Ein-Euro-Job wurde beendet.

Sofort.

Ohne weitere Bedingungen.

Ohne weitere Diskussionen.

Damit war gleichzeitig die Frage beantwortet, die monatelang im Raum gestanden hatte: Offenbar war die Maßnahme eben doch nicht so zwingend notwendig, wie zuvor dargestellt worden war.

Doch selbst in diesem Moment schien man den eigentlichen Kern des Problems nicht verstanden zu haben.

Denn kaum war die Maßnahme beendet, begann bereits die Suche nach der nächsten Förderidee. Vielleicht könne man einen Alltagshelfer einsetzen. Vielleicht gebe es andere Programme. Vielleicht könne man noch irgendwo unterstützen.

Man reibt sich verwundert die Augen.

Da sitzt ein Mensch vor einem, der seit Jahren eigenständig seinen Alltag organisiert. Der Verantwortung übernimmt. Der sich engagiert. Der bereits einen Arbeitgeber gefunden hat.

Und die erste Reaktion lautet nicht: "Gut gemacht."

Die erste Reaktion lautet: "Welche Maßnahme können wir noch auf ihn anwenden?"

Genau an diesem Punkt stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Selbstverständnis mancher Jobcenter.

Geht es noch darum, Menschen in Arbeit zu bringen?

Oder geht es inzwischen darum, Menschen möglichst dauerhaft in Förderstrukturen zu verwalten?

Denn wer einen Menschen mit funktionierender Tagesstruktur zwanghaft in Beschäftigungsmaßnahmen drängen möchte, während gleichzeitig tausende Stellen unbesetzt bleiben und echte Unterstützung an anderer Stelle fehlt, der verfolgt offensichtlich andere Ziele als Arbeitsvermittlung.

Vielleicht liegt genau dort das eigentliche Problem

Ein System, das Eigeninitiative nicht belohnt, sondern misstrauisch beäugt.

Ein System, das Ehrenamt als Förderbedarf interpretiert.

Ein System, das erst nach politischer Intervention bereit ist zuzuhören.

Und ein System, das selbst dann noch nach neuen Maßnahmen sucht, wenn die ursprüngliche Maßnahme gerade als unnötig erkannt wurde.

Wer solche Geschichten hört, kommt nicht umhin, eine unangenehme Frage zu stellen:
Wie viele Menschen werden eigentlich jedes Jahr in Maßnahmen beschäftigt, die niemand braucht – außer einem System, das seine eigene Existenz rechtfertigen muss?

Die Antwort darauf würde vermutlich nicht nur diesen Fall in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Verfasser: Karla Kolumna  |  03.06.2026

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